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Der Traum vom Fliegen

Der Unternberg in Ruhpolding ist ein Lieblingsrevier für Paraglider. Mit einem Tandempiloten kann hier jeder abheben. Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit.
Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Los. Zwei kraftvolle Schritte bergab reichen und ich verliere den Boden unter den Füßen. Ich fliege, irgendwo auf einer Höhe von 1.500 Metern. Und es geht weiter hoch. „Piep. Piep. Piep“, macht Achims Joos Variometer. Es ist das Signal, dass wir aufsteigen. Die Thermik ist gut. Ich fange an, mich zu entspannen. Der Start lief wie geschmiert, er war viel leichter als gedacht. Jetzt pfeift mir der Wind um die Ohren, aber immerhin legen wir ja auch rund 30 Stundenkilometer zurück.
„Schau, da unten steht ein Hirsch“, sagt Achim und deutet Richtung Waldhang unter uns. „Und da hinten kreist ein Bussard“. Vorsichtig wage ich einen Blick gen Boden. Wow, aus der Vogelperspektive sieht alles ganz anders aus. Ruhpolding ist eine Spielzeuglandschaft mit Kirchturmspitze und kleinen Häuschen.

Achim dreht den Schirm leicht nach rechts, wir steuern auf die nordseitigen Felsabbrüche des Rauschbergs zu. Der 41-Jährige hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Mit zehn Jahren durfte er sich erstmals am Flugübungshang ausprobieren, sein Vater war einer der ersten deutschen Gleitschirmflieger überhaupt. Als Profisportler war Achim Joos lange im Weltcupzirkus unterwegs, ist durch die ganze Welt gereist. Der Sieg des Gesamtweltcups 2003 war sein größter Erfolg. Weltweit gehört er zu den besten Gleitschirmpiloten.
Nach dem Studium der Wirtschaftspsychologie hat er am Fuße des Unternberges seine eigene Flugschule eröffnet: Freiraum. Sein Mitarbeiterteam besteht aus acht versierten und hervorragend ausgebildeten Piloten. Schon mehrfach wurde Freiraum vom Deutschen Gleitschirm- und Drachenflugverband zu Deutschlands bester Flugschule gekürt.

Das Besondere am Fliegen? Achim erklärt es so: „Es bringt einen total vom Alltag weg. Und auch nach über 30 Jahren fordert es - im positiven Sinne – die volle Konzentrationsfähigkeit. Man muss absolut bei der Sache sein. Dann ist es einfach genial. Es ist Freiheit“. Vom Rauschberg fliegen wir zurück Richtung Unternberg. Winzig sind die anderen Piloten, die dort gerade abheben. Ab dem Spätnachmittag hat man an Ruhpoldings Hausberg allerfeinste Flugbedingungen. Überhaupt ist der Unternberg perfekt für Flieger. Die Landeplätze sind sehr groß und anfängertauglich, der Wind steht fast immer günstig an, was mit den Talwindsystemen zu tun hat, erklärt Achim. „Piep. Piep“, macht sein Steigmesser und wir gehen noch ein bisschen höher.

Gefährlich ist das Gleitschirmfliegen nicht, sagt Achim. „Es ist wie bei allen Natursportarten nur dann risikoreich, wenn man sich selbst überschätzt oder ignorant ist“, sagt er. Die Flugausbildung sei in den letzten Jahrzehnten derart professionell geworden und die Haudegenzeit der 1980er Jahre längst vorbei. „Früher war Fliegen eine Mutprobe, heute ist es völlig salonfähig, den Berg wieder runterzugehen, wenn Wetter und Wind oder persönliche Verfassung nicht hundertprozentig stimmen“. Auch in Sachen Material hat sich viel getan. Die Schirme sind so konzipiert, dass ein Absturz fast unmöglich ist. Ein Tandemschirm ist circa 40 Quadratmeter groß, Pilot und Passagier dürfen zusammen über 200 Kilogramm wiegen, inklusive der Flugausrüstung. Bringen sie es nur auf etwa 130 Kilogramm, bieten sich kleinere Modelle an. Oder man packt einfach Gewichte mit ein, erklärt Achim. Wie Vögel schweben wir durch die Luft, schauen auf die Alpenhauptkette und hinaus in den Chiemgau. Über uns, unter uns, neben uns, überall Gleitschirme. Mein Grinsen im Gesicht wird immer breiter.

Wenn beim Passagier der Funken überspringt, seine Begeisterung spürbar ist, ist das für Achim das schönste Lob. „Es ist toll zu erleben, wie das Fliegen die Menschen überwältigt. Da muss ich gar nichts extremes einbauen wie beispielweise eine Steilspirale. Allein der Blick von oben genügt“, weiß der Experte. Sein jüngster Tandempassagier war vier Jahre alt, der älteste über 80 Jahre. „Für den Herren ist mit dem Flug ein Traum in Erfüllung gegangen“.

Wir verlieren langsam aber stetig an Höhe, nähern uns dem Landeplatz bei den Unternbergschleppliften. Auf Achims Anweisung hin rutsche ich im Gurtzeug etwas vor und beginne kurz überm Boden zu laufen. Wir legen eine gekonnte Landung hin. Dafür fühlen sich die ersten Schritte auf festem Grund etwas wacklig an, wie nach einer Schifffahrt. „Das ist normal“, lacht Achim und packt systematisch Schirm und Ausrüstung zusammen. Ich schaue hinauf in den Himmel. Und weiß: Das war mein erster, aber nicht mein letzter Tandemflug.

Wer er selber ausprobieren möchte, ist bei "Deutschlands bester Flugschule" in den besten Händen.
Weitere Informationen hier.
 
 
 
 
 
 
Kathrin Thoma-Bregar