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Ewiger Bergblick

Auf einer steilen Hangkuppe oberhalb von Ruhpolding liegt der alte Bergfriedhof. Ein erhabener Gottesacker, eine besondere Ruhestätte, ein Ort der Einkehr.
Die Glocken schlagen, die Stunde ist voll. Ein gleichmäßiger, voller Klang breitet sich aus. Über Wiesen und sanfte Hänge, hinüber zum Rauschberg und Unternberg und Zellerberg und über das ganze weite Miesenbacher Tal. Zu laut scheint es nur den brütenden Dohlen. Aufgebracht fliehen sie aus dem Glockenturm der Pfarrkirche St. Georg. Sie flattern hinüber zum alten Bergfriedhof. Der liegt auf einer kleinen, runden Kuppe oberhalb der Kirche. Es ist ein ganz besonderer Ort, das ahnt jeder, der den steilen Weg heraufgestiegen ist. Weil man spürt, dass hier die Verstorbenen zwar in der Erde bestattet, aber gleichzeitig dem Himmel anvertraut sind, sagen die Leute.

Am Eingang des ummauerten Bergfriedhofes war im Boden ein alter Rost eingelassen. Er verhinderte, dass an den Schuhsohlen haftende, geweihte Erde nach draußen getragen wurde. Dahinter sind auf kleinen Terrassenstufen, ganz eng beieinander, die Gräber angeordnet. Eine bunte Mischung an Kreuzen aus Marmor und Holz oder Eisen, gemeißelt oder gegossen. Neben den Namen der Verstorbenen tragen sie bei den Bauern auch die Hofbezeichnung. Alle Gräber sind nach Osten ausgerichtet, weil dort am jüngsten Tag der Heiland auferstehen soll.

520 Ruhestätten sind derzeit auf dem Bergfriedhof erfasst, viele von historischer Bedeutung. So wie die von Bartholomäus Schmucker. Er war von 1919 bis 1933 Ruhpoldings Bürgermeister und außerdem Ehrenbürger, Begründer des Heimatmuseums sowie der Historischen Trachtengruppe. Sein wundervolles schmiedeeisernes Grabkreuz ist feinste Handwerksarbeit und prunkvoll vergoldet. Auch Georg Eisenberger, der „Hutzenauer“ fand hier seine letzte Ruhe. Er war langjähriger Bürgermeister, Land- und sogar Reichstagsabgeordneter bis 1932. Nach der Machtübernahme Hitlers zog sich Georg Eisenberger aus der Politik zurück, weil er entschiedener Gegner der Nationalsozialisten war.

Wichtige Persönlichkeiten für Ruhpolding waren auch die Eheleute Valentin und Anna Haßlberger. Sie spendeten der Gemeinde 1890 den stolzen Betrag von 10.000 Mark und ein Grundstück für den Bau des Krankenhauses. Dem Alpinisten Peter Müllritter, der 1937 in einer Eislawine am Nanga Parbat ums Leben kam gedenkt man hier mit einem markanten Felsengrabstein. Jedes Grab hat seine Geschichte. Hinter vielen verbirgt sich Kriegsleid: gefallene Soldaten, auf der Flucht gestorbene Kinder, Verleumdungsopfer. So wie der Pole Adam Gorzela. Als Kriegsgefangener arbeitete er bei einem Ruhpoldinger Bauern. Er war beliebt und gut integriert. Bis er aufgrund einer nicht bewiesenen Anschuldigung zu Unrecht erhängt wurde. Ruhpoldinger Bürger haben vergeblich versucht das zu verhindern. Adam Gorzelas Grab wird bis heute von der Gemeinde gepflegt und Bürger legen Blumen nieder.

Über Stufen steigt man zwischen den Ruhestätten empor zum höchsten Punkt des Bergfriedhofs. Außenherum führt in einem leichten Bogen auch ein befestigter Weg. Hier oben stand früher die alte Georgskirche. Die wurde 1738 wegen Baufälligkeit abgetragen und am heutigen Standort unterhalb des Friedhofes neu und größer wiederaufgebaut und 1953 auch um einen neuen Friedhof ergänzt. Auf dem alten Bergfriedhof steht seitdem eine schlichte Gruftkapelle. In ihr finden Ruhpoldings Pfarrer ihre letzte Ruhestätte. Eine schlichte Marmortafel erinnert auch an den ehemaligen Reichskanzler Georg Graf von Hertling. Er war dem Ort sehr verbunden und verstarb hier 1919.

Wie alt der Bergfriedhof ist, lässt sich nicht sagen. Fest steht, dass schon vor circa 1.000 Jahren an diesem Fleck eine Kirche stand und ihre Glocken erklingen ließ. Vielleicht auch damals zum Leidwesen der frechen Dohlen.
 
 
 
 
 
29.08.2019
Kathrin Thoma-Bregar