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Gipfelbuchgestalterin Tamara Schweidler

Gipfelbücher sind die Gästebücher der Berge. Hier trägt sich ein, wer es hinaufgeschafft hat. Manchmal nur mit Namen und Datum, oft auch mit einem Gruß, mit Gedanken und Gedichten. Tamara Schweidler veredelt die Bücher mit bunten und selbstbemalten Einbänden.
Ein prachtvoller Sonnenaufgang auf der Haaralmschneid (1.594 m). Alles leuchtet tiefgolden. Tamara Schweidler ist schon früh aufgebrochen, lange bevor sich die ersten Wanderer auf der Almfläche tummeln. Sogar die Kühe liegen noch dösend am Wegesrand. Nur hier und da ertönt eine Glocke. Nanouki, die weißwuschige Samojede-Hündin, läuft an der langen Leine brav vornweg. Tamara ist in Ruhpolding aufgewachsen und auch wenn sie mittlerweile mit ihrem Lebenspartner einen Bauernhof im Chiemgau bewirtschaftet und zusätzlich als Medienpädagogin arbeitet, in die Ruhpoldinger Berge zieht es sie oft und gerne.
Den Hochfelln (1.674 m) liebt die 25-Jährige besonders und seine Ausläufer, die Hörndlwand (1.684 m) und die Haaralmschneid. Die letzten Meter des Wiesenpfades hinauf zum Gipfelkreuz sind noch mal ordentlich steil, aber das mag Tamara. „Steil ist geil“, sagt sie zwinkernd und dann steht sie oben. Während wir erstmal durchschnaufen, saugt Tamara schon das Panorama auf. Im Osten der Rauschberg, gegenüber die Hörndlwand, weiter im Westen das Kaisergebirge, in der Ferne die Hohen Tauern und gen Norden ganz nah: der Hochfelln.

Tamara nimmt ihren Rucksack ab und zieht vorsichtig ein großes Blatt Papier heraus. Dass sie heute auf der Haaralmschneid ist, hat nämlich einen Grund. Schon als Kind hat Tamara gerne gemalt. „Aber alle Leute fanden die Bilder von meinem älteren Bruder viel schöner, meine wollte niemand haben. Die hingen nur im Bad über dem Klo“. Sie lacht und faltet das Papier in ihren Händen auseinander. Eine abstrakte Malerei, farbenfroh, leuchtend gelb und knallpink mit blauen und grünen Tupfen. Vor zwei Jahren hat Tamara angefangen, Gipfelbücher zu gestalten. Sie kauft Notizbücher, schlägt sie in ihre Bilder ein und deponiert sie auf den Bergen. Darauf gebracht hat sie indirekt ihre Mutter. Die bat sie nämlich, ihre Notizbücher zu verschönern. Auf die Gipfelbücher kam Tamara, weil es ihr oft auffiel, in welch schlechtem Zustand sie sind: nass und voll und mit herausgerissenen Seiten. Also nahm sie sich der Gipfelbücher ihrer Heimatberge an.

Meistens sind Gipfelbücher in wetterfesten Hüllen oder Metallkassetten an den Gipfelkreuzen angebracht. Bereitgestellt werden sie von den zuständigen Sektionen des Alpenvereins, von Hüttenwirten, Tourismusverbänden oder Bergführern. Eine einheitliche, verbindliche Regelung gibt es nicht. Aufgekommen sind Gipfelbücher in den 1850er-Jahren, wahrscheinlich waren sie eine Nachahmung der Einschreibebüchern an Wallfahrtsorten. Viele Wanderer hinterlassen Reime, Poesie, Zeichnungen oder ganze Tagebuchniederschriften. Bei aller Kreativität erfüllen Gipfelbücher aber einen sehr wichtigen Zweck: Der Bergwacht dienen Informationen wie Namen, Datum, geplante Tour, Wetter oder Begleitung im Notfall als wichtige Bezugspunkte. Wird ein Wanderer vermisst, können Einträge ins Gipfelbuch Leben retten.
Auch Tamara appelliert, sich stets mit allen wichtigen Angaben in ihren Gipfelbüchern einzutragen und keinen Platz zu vergeuden oder gar Seiten auszulassen. Dann würde die Chronologie der Vermerke nicht mehr stimmen und Bergretter müssten sie erst zusammensuchen.

Bis heute hat Tamara Schweidler an die 300 Gipfelbücher angefertigt, in Spitzenzeiten waren es bis zu 40 pro Woche. „Ich bin kaum mehr hinterhergekommen und meine Freundin Mira hat mir geholfen“. Denn Tamaras ehrenamtliche Aktion hat sich schnell rumgesprochen. Immer häufiger haben Wanderer bei ihr Bücher bestellt, um sie überall auf Berggipfeln zu deponieren, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Gipfelbuch hat es sogar bis nach Korsika auf den Monte Cinto geschafft.

Ihre Mal-Ecke hat sich Tamara auf dem Balkon eingerichtet, sie verwendet Acrylfarbe und große Malblöcke. Sobald sie den Pinsel in der Hand hält, kann sie abschalten, runterkommen, ruhig werden. Am liebsten hat sie es farbenfroh: Zitronengelb, Rotorange, Kiwigrün, Azurenblau. Weil der grüngemusterte Einband des Haaralmschneid-Gipfelbuches nicht mehr schön ist, will sie ihn heute durch das neue ersetzen. Sie nimmt das Buch aus der Metallkassette am Kreuz, legt sich das Bild auf den Schoss und bindet es geschickt herum. Tamara betont, dass sie niemals vorhandene Bücher von den Gipfeln entfernt sondern nur zusätzlich neue in den Kasten legt. In der Regel werden volle Gipfelbücher in der zugehörigen Hütte abgegeben. Wie schnell die Seiten eines Buches gefüllt sind, hängt auch davon ab, wie begangen der Gipfel ist.

Tamara legt das neu eingebundene Gipfelbuch, in das sie sich noch schnell selbst eingetragen hat, wieder zurück und verschließt die Metallkassette sorgfältig. Nanouki spürt, dass es wieder heimwärts geht, die Hündin springt freudig auf. Auf dem Abstieg kommen uns die ersten Wanderer entgegen und die Kühe widmen sich längst den feinen Wiesenkräutern. Auf der Haaralm wechseln sich die sogenannten „Kaser“ mit der Bewirtschaftung jährlich ab. Wir kehren spontan ein und freuen uns über einen dampfenden Kaffee und ofenfrischen Kuchen. So stand es nämlich im Gipfelbuch: „Die Ruhe ist dem Bergsteiger heilig,
nur Narren haben’s eilig.“

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Kathrin Thoma-Bregar
 
 

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