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Sag mir wie viel Blumen blühen

Ruhpolding ist flächenmäßig die viertgrößte Gemeinde Bayerns. Der Ort ist geprägt von Berg- und Tallagen. Dank traditioneller Landwirtschaft konnte in den blütenreichen Heuwiesen über viele Generationen hinweg ein immenser Artenreichtum bewahrt werden.
Margeriten, Echte Kamille, Wiesenbocksbart, Gemeine Schafgarbe, Rotklee, Glockenblumen, Orchideen. Die steilen Wiesenhängen beim Bojernhof stehen in vollster Blütenpracht. Während andernorts längst gemäht wurde – oft sogar mehrmals – darf hier einfach alles in Ruhe wachsen und gedeihen. Sanft wiegen sich die Blumen und Kräuter im Sommerwind. Es ist ein Paradies für Insekten, für Hummeln und Wildbienen, Schmetterlinge und Grillen und Heuschrecken.

Thomas Christofori hat am Bojenhof eine ganz kleine Nebenerwerbslandwirtschaft mit 13 Rindern, seine Frau kümmert sich um die Ferienwohnungen und die Vermietung. Das Anwesen liegt am Berg, hinauf windet sich eine steile Straße. Der Blick von hier oben ist fantastisch. Das ganze Dorf mit der Pfarrkirche St. Georg breitet sich unter einem aus. Der Unternberg, die Hörndlwand, der Westernberg mit den Skiliften.
Zum Bojenhof gehören 10 Hektar Wiesen und 10 Hektar Wald. Das Gelände ist überwiegend abschüssig und schwer zugänglich und daher für eine intensive Nutzung ungeeignet. Deshalb bewirtschaften Thomas Christofori und seine Familie den Hof traditionell wie schon Generationen vor ihnen – und erhalten damit ganz nebenbei eine einzigartige Naturlandschaft.

In Ruhpolding werden ungefähr 300 Hektar Wiesen extensiv und nachhaltig genutzt. 55 Hektar davon sind sogenannte Streuwiesen, Nasswiesen und Magerrasen. Durch ihre Vielfalt und eine zeitlich gestaffelte Blühabfolge, bilden sie wertvolle Lebensräume. Auf einem Quadratmeter können bis zu 100 Pflanzenarten gedeihen. Damit gehört ein extensives Grünland wie am Bojenhof neben dem tropischen Regenwald zu den artenreichsten Biotopen weltweit. Es ist besonders schützenwert, auch weil der weit größere Anteil an Flächen in Deutschland intensiv und industriell genutzt wird, oft zum Leidwesen von Böden, Pflanzen und Tieren.

„Wir sind Bergbauern, wir bewirtschaften ganz andere Flächen und Almlagen, als die Bauern im Flachland“, sagt Thomas Christofori. Jetzt am frühen Abend, hat die Juli-Hitze deutlich nachgelassen und es sind kaum noch Insekten unterwegs. Weil der Wetterbericht für die nächsten Tage trockenes und stabiles Hochdruckwetter meldet, will er noch die steile Wiese unterhalb des Bauernhauses, die „Leitn“, mähen. Dafür verwendet er einen Motormäher, ähnlich einem großen Rasenmäher mit aufgesetztem Mähbalken. Den muss Thomas händisch von rechts nach links und von oben nach unten über den Berghang fahren. Das ist harte, anstrengende Arbeit. Er muss gut Obacht geben, um nicht auszurutschen. Morgen Abend wird das Gras mit dem Rechen einmal komplett gewendet, damit es gut durchtrocknet. Würde es feucht eingebracht werden, bestünde die Gefahr, dass es gärt. Im schlimmsten Falle könnte es sogar zum Brennen anfangen.
Nach einem zweiten sonnigen Tag hilft schließlich die ganze Familie zusammen und recht das getrocknete, duftende Heu den gesamten Hang hinunter bis zu der Stelle, wo Thomas mit dem Ladewagen hinkommt. In der Tenne wird es dann locker gelagert. Zusammen mit Silage dient es den Tieren im Winter als Futter. „Man merkt schon, dass es ihnen das Blühwiesenheu besonders gut schmeckt,“ sagt der Landwirt.

Weil sich Thomas Christofori wie viele andere Bauern auch am Biodiversitätsprojekt „Blütenreiche Heuweisen im Ruhpoldinger Tal“ beteiligt, hat er sich dazu verpflichtet seine insgesamt 1,5 Hektar Blühwiesen das erste Mal nicht vor dem 1. Juli zu mähen und Mist nur in Maßen auszubringen. Streuwiesen dürfen gar bis September stehen bleiben. Denn nur so kann die große Artenvielfalt erhalten bleiben. Sind Pflanzen und Kräuter nämlich erst einmal verschwunden, lassen sie sich nur schwer wieder ansiedeln. Für seine extensive Nutzung der Blühflächen bekommt Thomas Christofori im Gegenzug einen finanziellen Ausgleich. Er selbst bezeichnet sich nicht gerne als Nebenerwerbsbauer, er nennt sich lieber Landschaftspfleger. Weil er dafür sorgt, dass Artenvielfalt bewahrt bleibt und einen niedrigeren Ertrag in Kauf nimmt. „Früher gab es viel mehr solcher üppig blühenden Blumenwiesen, viele kennen sie nur noch aus der Kindheit. Umso mehr freuen sich Gäste aber auch Einheimische über ihren Anblick“, weiß Thomas.

Für heute ist sein Tagwerk getan. Das gemähte Gras duftet in der Abenddämmerung. Im Westen ist die Sonne längst untergegangen. Und die Kühe am Bojenhof können es kaum erwarten, wenn sie die Wiese nach dem Einbringen des Heus bis auf den letzten köstlichen Halm abgrasen dürfen.
 
 
 
 
 
 
Kathrin Thoma-Bregar
 
 

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